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Innerer und äußerer Minimalismus – womit beginne ich?

Die Reduzierung von materiellen Gütern und die Veränderung des eigenen Konsumverhaltens ist für die meisten MinimalistInnen der erste Schritt von vielen. Ein sehr wichtiger, oft entscheidender Schritt zwar, aber irgendwann ist die Wohnung dann halt so leer, wie man sie gerne haben möchte, man besitzt nur noch, was man wirklich liebt und braucht und man kauft schon lange nicht mehr gedankenlos jede Woche irgendetwas neues, nur weil man es gerade sieht und es einem gefällt. Und dann? Dieser Zustand ist für die meisten Menschen eigentlich erst der wahre Anfang eines minimalistischen Lebens, weil sie sich dann, wenn das Außen stimmt, erst richtig auf das Innen konzentrieren können und auch bei den nicht materiellen Faktoren, die das tägliche Leben bestimmen schauen, was sie eigentlich brauchen und wollen. Für mich, die sich erst seit Anfang diesen Jahres mit dem Thema Minimalismus befasst und seitdem kräftig aussortiert und damit immer noch nicht fertig ist, war es sehr interessant zu sehen, dass scheinbar für fast alle der äußere Minimalismus vor dem inneren Minimalismus kommt. Bei mir war es nämlich, glaube ich, doch ganz anders herum. Das, was viele als inneren Minimalismus beschreiben, ist für mich teilweise schon seit langer Zeit ganz wichtig, während ich im Außen noch lange absolut unachtsam mit meinem Besitz und Konsumverhalten war.

Für mich ist Achtsamkeit und der bewusste und sparsame Umgang mit den eigenen Ressourcen und Energien etwas ganz zentrales. Als sehr introvertierter Mensch habe ich gerade im Bezug auf Kontakte zu anderen Menschen immer schon sehr darauf geachtet. Ich liebe die Menschen in meinem Leben sehr, aber dennoch kostet mich jede Stunde des nicht-alleine-seins in der ich mit anderen Menschen zusammen bin, Kraft. Vermutlich mehr Kraft, als extrovertierte Menschen oder weniger introvertierte. Ich finde das auch ganz und gar nicht schlimm, es ist einfach so. Ich bin gerne introvertiert und ich bin äußerst gerne zwischendurch alleine (nicht einsam!) und hin und wieder eben auch gerne unter Menschen. Ich würde es nicht anders haben wollen. Aber weil dem so ist, schaue ich eben auch ganz genau, welchen Menschen ich meine Zeit schenke. Das klingt vielleicht arrogant, aber so ist es gar nicht gemeint. Ich lege nur absolut keinen Wert auf oberflächliche Bekanntschaften und Smalltalk. Ich habe einige sehr, sehr gute Freunde und das reicht mir absolut. Auf diese Menschen kann ich mich verlassen und mit ihnen kann ich tiefgehende, anregende Gespräche führen, sei es über den Sinn des Lebens oder einfach über spezielle Interessen und Hobbys. Das Minimalisieren von Menschen/Kontakten, welches oft angesprochen wird, war für mich seit meiner Kindheit eigentlich etwas absolut selbstverständliches: Schenke nur den Menschen deine Zeit, die dir gut tun und denen du gut tust. Das heißt übrigens natürlich nicht, dass ich andere Menschen doof finde oder unfreundlich zu ihnen wäre. Ich lerne auch sehr gerne neue Leute kennen, aber ich lege es nicht darauf an oder suche ständig nach neuen Kontakten. Wenn es passiert, schön. Wenn nicht, auch schön.

Auch im Bezug auf das Thema Leistung und Zeitmanagement war ich, glaube ich, schon lange eine Minimalistin, bevor ich das Wort überhaupt kannte. Themen, die mir etwas bedeuten schenke ich gerne viel Zeit und Aufmerksamkeit und in diesen Bereichen kann ich dann auch wirklich ehrgeizig sein. Ich bin aber grundsätzlich kein extrem leistungsorientierter Mensch. Ich möchte natürlich gut in meinem Job sein, dafür habe ich ja auch studiert und vorher Abi gemacht. Aber auch in dieser Zeit schon habe ich immer versucht mir keinen extremen Druck und Stress zu machen. Wenn zu viel Stress von außen kam und ich gemerkt habe, dass ich enorm darunter leide, habe ich etwas an der Situation geändert – in dem Fall die Uni gewechselt. Das würde ich auch heute wieder tun, wenn mich mein Job stressen und unglücklich machen würde. Ich lebe ja nicht nur für meine Arbeit. Ich mag sie sehr gerne und ich finde sie wichtig und erfüllend, aber es ist nicht alles in meinem Leben. Mir war schon immer sehr wichtig, genug Zeit für mich zu haben. Deswegen hatte ich dann halt keinen Überflieger-NC im Abi, habe ein bisschen länger fürs Studium gebraucht als es Topstudenten tun und arbeite jetzt ganz bewusst in Teilzeit und würde auch nicht in Vollzeit arbeiten wollen, weil mir das einfach zu viel wäre. Damit bin ich eigentlich immer glücklich gewesen, weil ich mich nicht habe stressen lassen. Mir ist das, was ich tue wichtig, aber meine selbstbestimmte (Lebens)zeit für mich ist mir am wichtigsten. Deswegen arbeite ich nur so viel, dass ich für meine (eher sparsamen, minimalistischen) Ansprüche sehr gut davon leben und immer auch etwas sparen kann und genieße die mir dadurch mehr zur Verfügung stehende Zeit mit voller Dankbarkeit, weil mehr Zeit für mich immer viel wertvoller sein wird, als mehr Geld. Kleine Anmerkung dazu: Mir ist klar, dass es ein absolutes Privileg ist, sich bewusst dazu entscheiden zu können, weniger zu arbeiten um mehr Zeit zu haben. Zu diesem Thema (Minimalismus als Privileg) werde ich demnächst auch noch etwas schreiben. Ich habe dieses Privileg und nehme es nicht als selbstverständlich hin und bin dankbar dafür. Und ich nutze es aber doch ganz bewusst für mich. Für meine Lebensqualität, meine psychische und körperliche Gesundheit und Ausgeglichenheit.

Ein Thema, welches für viele MinimalistInnen irgendwann sehr wichtig wird, ist Achtsamkeit. Auch dieses Thema ist für mich im Prinzip schon seit meiner frühen Jugend gar nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken und hat enorm beeinflusst, wer ich bin. Seit ich 11 Jahre alt bin beschäftige ich mich mit diversen spirituellen Themen, sei es modernes Heidentum, Buddhismus oder alte, vorchristliche Kulturen. Ich habe mich auch schon damals am glücklichsten gefühlt, wenn ich Zeit in der Natur, am liebsten im Wald oder am Meer verbringen konnte. Ich habe auch schon damals meditiert, auf den Rhythmus der Jahreszeiten geachtet und versucht im Einklang mit der Natur zu leben. Dieses hektische, von unseren Wurzeln in der Natur völlig entfremdete Leben, von dem viele Menschen berichten, kenne ich daher selber nur aus Phasen in meiner Jugend oder meinem frühen Erwachsenenleben, in der mir dieser „Kontakt“ zwischenzeitlich ein wenig verloren ging. Den weitaus größten Teil meines bisherigen Lebens war er aber immer irgendwie da. Anfang 20 habe ich dann begonnen Yoga zu machen, was mich noch mal ein ganzes Stück weiter gebracht hat. Yoga hat mir Gelassenheit in nervigen Alltagssituationen geschenkt und mir das Hineinspüren in meinen eigenen Körper und einen bewussten, liebevollen Umgang mit mir selbst beigebracht .

Wo auch ich immer wieder stolpere und wo ich darauf achten muss, mir nicht zu viel vorzunehmen, sondern bewusst zu reduzieren und Prioritäten zu setzen, sind Hobbys und Interessen. Es gibt so viele tolle Sachen zu tun und am liebsten hätte ich für alles genug Zeit und Energie. Seien es mehrere Pen & Paper Spielgruppen, die Yogalehrerausbildung, das Mantrasingen, diverse Stammtische, die mich thematisch interessieren, meine Spielesammlung bei Steam und natürlich der Vorsatz, genug Sport zu machen, mehr frisch zu kochen usw. Ach ja, mit dem Stricken und Nähen wieder anfangen wollte ich natürlich auch noch. Und meine Kosmetik selber herstellen sowieso. Der Blog braucht natürlich auch seine Aufmerksamkeit. Und irgendwann muss ja auch mal Zeit zum Entspannen, nichts tun oder lesen und Filme schauen sein.

Ihr merkt schon – das ist alles ganz schön viel. Eine Zeit lang, teils aus Interesse an vielen Dingen, teils weil ich schlecht Nein (zu mir selber) sagen kann/konnte, habe ich versucht viel zu viele Dinge gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Und nebenbei natürlich noch meine Bachelorarbeit geschrieben. Ich habe das alles gerne getan und hätte am liebsten wirklich für all diese Dinge genug Zeit, weil sie mir Freude machen, aber es geht natürlich einfach nicht. Meine reduzierte Arbeitszeit erlaubt mir dabei zwar sicherlich schon einiges, aber trotzdem hat auch mein Tag nur 24 Stunden. Wenn Dinge, die man eigentlich freiwillig macht, weil sie einem Freude bereiten dann doch wieder in Stress müden, ist das auch eher kontraproduktiv. So muss ich immer wieder überprüfen, was ich derzeit eigentlich alles gerne tun möchte, was denn besonders wichtig ist, mir gut tut und Priorität bekommt. Diese Prioritäten können sich natürlich auch immer wieder ändern, es kommen neue Sachen dazu und andere Sachen werden weniger wichtig. Deswegen ist es für mich sehr wichtig, immer wieder neu abzuwägen und meine Freizeit unter meinen Interessen gut aufzuteilen.

Um es mal zusammenzufassen glaube ich, dass ich in all diesen Punkten, die für mich zum „inneren Minimalismus“ dazugehören natürlich keineswegs an einem absoluten Ziel angekommen bin. Es ist einfach ein lebenslanger Prozess und ich lerne jeden Tag dazu. Dennoch glaube ich, dass ich in diesen Punkten und zum Teil schon seit Jahren dem minimalistischen Lebensweg folge, ohne das bisher so bezeichnet oder wahrgenommen zu haben. Bei einer Diskussion auf Twitter zu diesem Thema gestern, brachte mich Frau Ding Dong auf den Gedanken, ob das vielleicht auch eine Frage von Introvertiert oder Extrovertiert ist. Ich bin ja, wie oben bereits erwähnt, ziemlich introvertiert und habe mich daher schon immer viel mit mir selbst, meinen Gedanken und Wahrnehmungen befasst und das Äußere auch gerne zur Seite geschoben. Von daher macht es sogar ziemlich viel Sinn, dass der Wechsel auf eine bewusste, nachhaltige und achtsame Lebensweise, also das, was für mich Minimalismus ist, bei mir im Innen begonnen und sich dann nach und nach erst im Außen manifestiert hat.  Natürlich merke ich auch durch den immer weniger werdenden materiellen Besitz, wie sich mein innerer Minimalismus weiter verändert und ich noch und noch zufriedener und glücklicher werde. Logisch, denn vorher bestand da eben auch, lange Zeit unbewusst, eine Diskrepanz zwischen Innen und Außen, die ich aber nicht wirklich greifen konnte. Bisher habe ich vor allem von Menschen gelesen, die mit dem materiellen Minimalismus begannen, die also erst aussortiert haben und bei denen danach alles andere folgte. Es scheint aber hier und da auch Ausnahmen zu geben, bei denen es andersherum ist. Wie ist/war das bei dir?

Ich finde dieses Thema deswegen so interessant, weil es für mich noch mal deutlich zeigt, dass es nicht DEN Minimalismus gibt und auch nicht DEN Weg hin zum Minimalismus. Wir sind alle Individuen und müssen selbst herausfinden, was das für uns bedeutet, unseren eigenen Zugang kriegen. Egal, wo du anfängst, Hauptsache es funktioniert für dich! Für mich war das eine sehr angenehme Erkenntnis, nachdem ich in den letzten Monaten immer wieder ein bisschen damit zu kämpfen hatte, dass ich immer noch so viel Kram besitze, bzw. wie viel ich einfach mal besessen habe. Das bewusste Auseinandersetzen mit meinem ungesunden Konsumverhalten hat mich natürlich an Aspekte meiner eigenen Person herangeführt, auf die ich nicht so stolz bin. Zu verstehen, dass mein Ansatz an das Thema Minimalismus einfach ein anderer war und ich nicht in allen Bereichen noch so komplett am Anfang stehe, sondern schon viel gelernt habe, hat da sehr gut getan.

Ich wünsche dir einen schönen Tag!

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Collect moments not things – Projekt Monatsrückblick

Als ich Anfang des Jahres begann, meine Habseligkeiten auszusortieren, fiel mir auch das eine oder andere Tagebuch aus meiner Jugend in die Hände. Wenn so etwas passiert, muss ich alles andere erst mal für eine Weile liegen lassen und sofort durch das Buch blättern, lesen und in Erinnerungen schwelgen. Tagebücher öffnen Türen in längst vergangene Welten, erinnern mich zum Beispiel an das 13-jährige Mädchen, was ich damals war, an die Dinge, die mich damals beschäftigt haben und wie ich früher die Welt sah.

Ich kann in diesen Büchern auch sehr gut nachlesen, wie ich mich über die Jahre verändert und weiterentwickelt habe. Ich halte Tagebücher für eine wunderschöne Möglichkeit, die Dinge festzuhalten, die gerade wichtig sind, egal ob besonders schön oder besonders traurig. In meinem bisherigen Leben habe ich allerdings nur sporadisch Tagebuch geschrieben. Ich nahm es mir immer wieder vor, füllte immer mal wieder ein kleines Notizbüchlein, manchmal auch nur zur Hälfte  – und gab es dann meist für eine Weile wieder auf. Ich glaube, ich bin kein Typ dafür, jeden Tag Tagebuch zu schreiben. Das kriege ich einfach nicht auf die Kette. Der zeitliche Aspekt ist dabei vermutlich sogar weniger entscheidend als die Motivation. Und zugleich wünschte ich mir, ich würde mehr festhalten, aufschreiben und dokumentieren.

Seitdem ich mich mit Minimalismus befasse, wird mir immer deutlicher, wie wichtig Erinnerungen an besondere Momente sind und wie schön es ist, sie zu haben, wie stark sie einen prägen und zu dem machen, was man ist. Es sind unsere Erlebnisse und Erinnerungen die uns formen, nicht die Gegenstände, an denen diese Erinnerungen eventuell dran hängen. Getreu dem Motto „Collect moments, not things“ möchte ich gerne versuchen, wieder mehr aufzuschreiben und festzuhalten. Dafür probiere ich seit einem Monat einen Monatsrückblick aus, weil ich glaube, dass es für mich besser machbar ist, ein mal im Monat die vergangenen vier Wochen zu reflektieren, als jeden Tag zu schreiben. Ich habe mir dafür ein kleines Notizheft genommen, in das ich für jeden Tag des Monats in Stichpunkten auf 1-2 Zeilen notiere, was ich an dem Tag gemacht habe und/oder was schön oder besonders war. Das kostet mich pro Tag nur wenige Sekunden und ich kann es auch rückblickend für mehrere Tage auf einmal machen und muss nicht jeden Tag etwas aufschreiben. So erinnere ich mich schon beim Notieren bewusst zurück und überlege, was diesen Tag besonders gemacht hat, ob es ein schönes Erlebnis gab, an das ich mich später vielleicht gerne wieder erinnern würde usw. Diese Notizen helfen mir dann am Monatsende einen Überblick über den ganzen Monat aufzuschreiben. Für mich ist dies eine Alternative zum Tagebuch, bei der ich für mich größere Chancen sehe, dass ich es längerfristig beibehalten kann. Ob das tatsächlich klappt, wird sich zeigen – versuchen möchte ich es in jedem Fall. Ich hatte diesen Oktober das Gefühl, dass er nicht so an mir vorbei gerast ist, wie das früher schon mal war. Er kam mir sehr lang vor und das nicht im negativen Sinne, es war alles andere als langweilig. Aber dadurch, dass ich mich so genau an alles zurückerinnern kann, wird mir bewusst, was ich alles getan und erlebt habe und ich habe den Eindruck, meine Zeit so bewusster zu erleben und mehr zu schätzen.

Ich weiß, dass Zukunftsromy sich in vielen Jahren wahrscheinlich sehr über diese Erinnerungsstücke freuen wird. Ich habe mich nur noch nicht entschieden, ob ich das Projekt auf Papier oder digital festhalten soll. Ich schreibe inzwischen deutlich lieber am PC, da ich dabei einfach viel schneller bin. Minimalistischer ist es ebenfalls und Papier spare ich so auch. Die Erinnerungen mit Fotos zu ergänzen wird außerdem leichter. Allerdings können digitale Erinnerungen natürlich auch schneller verloren gehen und von Hand schreiben ist ja eigentlich auch was sehr schönes und wichtiges. Ich bin mir da noch unschlüssig und werde vielleicht einfach beide Varianten testen. Schreibst du Tagebuch? Wie hältst du deine geliebten Erinnerungen fest?